Taunuszeitung vom 24. Oktober 2000 Seite Friedrichsdorf

Wenn die Kraniche gen Süden fliegen ist Otwin Franz übers Internet dabei
Von Ulrike Treutler

Seulberg. Es war am vergangenen Samstag, als Otwin Franz über seinem Haus die ersten Kraniche auf ihrem Zug gen Süden beobachtete. "Rund 100 Tiere waren es, die in Keilformation über Seulberg gezogen sind." Er schaut genau hin, wenn die Kraniche fliegen. Denn der "Grus grus", so der lateinische Name für den Grauen oder Europäischen Kranich, ist das Hobby des gebürtigen Seulbergers. Über das Internet verfolgt er den Reiseweg der Tiere, die in Nord- und Mitteleuropa brüten und im Herbst zum Überwintern nach Spanien, Portugal oder Nordafrika fliegen. "Nach der Brutzeit sammeln sich die Tiere erst einmal an bestimmten Plätzen, bevor sie in kleineren Verbänden in Richtung Süden aufbrechen", erklärt der Experte.

Wird im finnischen Tammerfors oder am Lac du Der in Frankreich eine Gruppe Kraniche gesichtet, dauert es nicht lange, bis Otwin Franz darüber informiert ist. Der Kranichfreund steht in E-Mail-Kontakt mit Kollegen aus ganz Europa. Auch aus Schweden, Ungarn, Italien, Spanien und natürlich Deutschland bekommt er Meldungen über gesichtete Kraniche. "Wichtig ist, dass auf die Beringung der Vögel geachtet wird, denn nur so kann man wissen, aus welchem Brutgebiet sie kommen", sagt er.


Mit jungen Jahren trat Otwin Franz dem Seulberger Vogelschutzverein bei. Damals war sein Großvater dort Vorsitzender. Später spezialisierte Franz sich auf Kraniche: "Sie faszinieren mich einfach und sind außerdem gut zu beobachten, da sie relativ tief fliegen." Von 1981 bis 1989 engagierte sich Franz in Schleswig-Holstein bei der Bewachung von Brutgebieten.

Wenn der kaufmännische Angestellte von der Arbeit nach Hause kommt, geht es direkt in sein "Büro". Verschiedene ausgestopfte Tiere, Unmengen von Büchern über Natur und Tierwelt - und natürlich die vielen Ordner mit der Aufschrift "Kranichdaten" weisen auf sein Hobby hin. "Hier verbringe ich jede freie Minute", erzählt Otwin Franz. "Aus einer kleinen Idee ist ein Mammutprojekt geworden". Abend für Abend verarbeitet er die erhaltenen Zugdaten, stellt die Meldungen ins Netz - oder arbeitet an seiner Kranich-Homepage. Die ist sein ganzer Stolz. Unter "http://kraniche.vogelfreund.net" dreht sich alles um das eine Thema. Neben Fotos und Beschreibungen aller 15 Kranicharten gibt es dort unter anderem Informationen über Rastplatz- und Überwinterungsgebiete sowie über die Zugsituation in den einzelnen Ländern - und natürlich die aktuellen Zugmeldungen. "Die Besucherzahlen auf meiner Homepage - in diesen Monat waren es bereits knapp 200 - zeigen mir, dass sich viele Leute für die Zugvögel interessieren", freut sich der Seulberger.