Quelle: H. Prange 2001. Kranichzug, -rast und -schutz 2000. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Internationale Koordination von Schutzstrategien
Die Schutzstrategien für Brut-, Rast- und Überwinterungsplätze werden innerhalb der European Crane Working Group europaweit locker abgestimmt, was sich auf die Entwicklung der Kranichpopulationen vorteilhaft auswirkt. Der Austausch von Schriftgut und speziellen Erfahrungen, die periodische Veranstaltung von Tagungen sowie individuelle Kontakte der Kranichforscher und -schützer dienen den gemeinsamen Zielen.
Offene Fragen zum Zugverlauf, zum Verhalten der Kraniche im Brutgebiet, an den Rastplätzen und in den Überwinterungsgebieten sind durch weitere Beringungen und Besenderungen am Brutplatz aufzuklären, die verstärkt in den Gebieten der Zugscheiden (Ostpolen, baltische Länder) durchgeführt werden.
Aufgaben der European Crane Working Group
Entwicklung europaweit abgestimmter Schutzstrategien für Brut-, Rast-, und Überwinterungsplätze
Kombination von EU-Extensivierungsprogrammen mit Wiedervernässungen im Zuggebiet
Aufklärung der Zugwege und Raststätten im Südteil des Baltisch-ungarischen Zugwegs sowie an osteuropäischen Zugrouten
Fortführung der Beringungen und Besenderungen, insbesondere in Gebieten von Zugscheiden
Inhaltliche Förderung wissenschaftlicher Untersuchungen, besonders im Rahmen internationaler Zusammenarbeit
Erarbeitung eines europaweit abgestimmten, in den beteiligten Ländern variabel anwendbaren Kranichmanagements
Traditionelle Rastplätze des Herbstes haben sich jahrzehntelang als sehr stabil erwiesen. Das Auslaufen von Schlafstellen ist gewöhnlich FOlge von Austrocknung oder anderer extrem ungünstiger Einflüsse.
Die Anzahl der überwachten Rastplätze bei kontinuierlich steigenden Kranichzahlen ist zwischen 1985 (31 Plätze) und 1992 (27 Plätze) zunächst leicht zurückgegangen, danach bis 2000 (42) jedoch deutlich angestiegen. Diese positive Entwicklung ist auf einige neu entdeckte kleine Sammelplätze, vor allem aber auf neu entstandene Feuchtflächen als Folge von Wiedervernässungen zurückzuführen. Diese Kranichrastplätze nehmen inzwischen bis zu 15.000 Vögel bzw. 12 - 15 % des Rastbestandes auf. Die Schutzbedingungen werden an Plätzen mit starkem Anstieg der Kranichzahlen und intensivem Naturtourismus komplizierter.
An geeignete Schlafbereiche in flachem Wasser ist die Sicherheit und Existenz der Rastplätze zuerst gebunden. Die Rastplätze haben im Inland im Mittel zwei, solche mit Maxima von über 5.000 Kranichen durchschnittlich drei Schlafstellen. Die Situation variiert von Jahr zu Jahr in Abhängigkeit von Niederschlag. Problematische Bedingungen bestehen an großen Plätzen mit nur einem Schlafplatz, zum Beispiel am bedeutenden Rastplatz im Havelländischen Luch (Nauen), dessen Existenz akut bedroht ist.
Unverzichtbare Bestandteile der meisten Schlafplätze des Inlandes sind weiterhin vegetationsarme Zwischenlandplätze, di die Schlafstellen umgeben und die vor deren Aufsuchen angeflogen werden. Bei einem weiteren Rückgang des ohnehin geringen Rinderbestandes in den neuen Bundesländern mit ausgeprägter Kranichrast - hier werden zur Zeit im Mittel nur 0,30 Rinder je ha landwirtschaftliche Nutzfläche gehalten - ist mit einer unzureichenden Beweidung einiger Zwischenlandeplätze und einer rückläufigen Besetzung entsprechender Rastplätze zu rechnen.
An der Rügen-Bock-Region bestehen weiterhin gute Rastbedingungen, die insbesondere auf eine große Anzahl von geeigneten Schlafstellen und auf einen intensiven Getreideanbau zurückzuführen sind. Aktive Abwehrmaßnahmen (Vertreiben, Knallmaschinen) und eine dem Kranich abträgige Wirtschaftsführung der Landwirte (schneller Umbruch von Stoppelfeldern, Neusaaten vor Ankunft der Kraniche) haben allerdings zur weiteren Ausdehnung der Nahrungsflüge geführt, wodurch bei Entfernungen von 25 - 30 km zwischen den Feldern und Schlafstellen offensichtlich die energetisch vertretbare Grenze erreicht ist. Auf diese eher rückläufigen Bedingungen im täglichen Einzugsgebiet der Rügen-Bock-Region dürften dei seit Anfang der 1990er Jahre stagnierenden Rastzahlen zurückzuführen sein.
Über 80 % aller Schlafstellen der Sammel- und Rastplätze des Inlandes haben einen Schutzstatus, der nicht immer vor kleineren Störungen (Jagd in der Nachbarschaft, Personenverkehr) schützt. Überaus problematisch ist der fehlende Schutzstatus für den Nauener Schlafplatz, der auf (Ab-) Wasserzuführung angewiesen ist. Das komplette Netz der in der AG Kranichschutz Deutschland tätigen Rastplatzbetreuer sorgt jedoch für die flächendeckende Präsenz vor Ort, die als laufende Schutzarbeit in der Regel ehrenamtlich verrichtet wird.
Störungen werden an attraktiven Rastplätzen zunehmend durch Besucher verursacht. Die Schutzstrategien vor Ort beinhalten die Aufklärung und gezielte Information sowie den Bau von Beobachtungspunkten und eine gezielte Besucherlenkung. Aussichtspunkte sollten jedoch nur dort angelegt werden, wo ein öffentliches Bedürfnis besteht, eine langfristige Kranichrast zu erwarten ist und eine Störung des Rastgeschehens ausgeschlossen werden kann.
Geplante Windkraftanlagen in den täglichen Einstandsgebieten der Rastplätze an der Küste und im Inland sind wiederholter Anlass für lokale Auseinandersetzungen und Gutachten. Die bisherigen Erkenntnisse besagen, dass Windräder, vor allem aber größere Anlagen die Fluggruppen ablenken und zerteilen sowie das verfügbare Nahrungsgebiet einschränken. Windkraftanlagen gehören daher nicht in die Flugschneisen zu und in die Umgebung von Rastplätzen. Inwieweit positive Gewöhnungseffekte entstehen, kann bislang noch nicht beurteilt werden.
Der Gefahr des Austrocknens und Eutrophierens von Schlafstellen ist vielerorts permanent entgegenzuwirken. Hierin besteht eine Hauptarbeit vieler Betreuergruppen vor Ort. Der drohende Verlust des seit den 30er Jahren bekannten, von tausenden Großstädtern seither besuchten Schlafplatzes Dübener Heide wird durch eine aufwenige, von der öffentlichen Hand finanzierte Freilegung und Vertiefung einer bisherigen Schlafstelle abgewendet. Gegenwärtig günstige Rahmenbedingunen sollten auch anderenorts genutzt werden, um durch (Wieder-) Vernässungen die Kranichrast in Deutschland zu stabilisieren.
Hervorzuheben ist die Schutzarbeit in staatlichen Großschutzgebieten, durch örtliche Naturschutzvereine, der lokalen Arbeitsgruppen und des Kranichinformationszentrums Groß Mohrdorf (nördlich von Stralsund; www.kraniche.de) der Arbeitsgemeinschaft Kranichschutz Deutschland, dessen ständige Ausstellung im Jahr 2000 von über 12.000 Menschen besucht wurde.
An Rastplätzen mit hoher und andauernder Kranichdichte sind neue Formen der Schadensverhütung erforderlich, auch wenn an die Rast angepasste Bewirtschaftungsstrategien der großflächigen Landwirtschaft die Schadenshäufigkeit, aber auch das Nahrungsangebot deutlich verringert haben. Hierbei kommt gezielten "Ablenkfütterungen" eine besondere Bedeutung zu. In der Rügen-Bock-Region werden gegenwärtig bis zu 17 Ablenkfütterungen mit bis zu 350 ha Fläche angelegt. Landwirte werden hierfür im Sinne des Vertragsnaturschutzes finanziert und stellen stillgelegte Ackerflächen zur Verfügung, auf denen geeignete Körnerfrüchte - meist Mais - angebaut oder ausgestreut werden. Voraussetzungen für derartige Ablenkfütterungen sind große Felder in übersichtlichem Gelände, das unzerschnitten ist, keine Beunruhigungen erfährt und in der Umgebung der eigentlichen Äsungsfläche eine ungestörte Ruhezone aufweist. Im Umkreis von 1.500 m muss auch hier Jagdruhe herrschen.
Die Ablenkfütterung ist ein neues Element im "Kranichmanagement", das dem Landwirt und Kranich gleichermaßen zugute kommt. Das Verfahren bedarf weiterer wissenschaftlicher Bearbeitung und praktischer Erfahrung, um optimal zu wirken und Schadensereignissen weitestgehend vorzubeugen. Es ist überalle dort anwendbar, wo große Kranichgruppen im Frühjahr und Herbst rasten. Erste Erfahrungen liegen von den Rastgebieten der Rügen-Bock-Region, des Landkreises Teltow-Fläming, der Lausitz und des Helme-Stausees vor.
Ein wirksamer Kranichschutz verlangt jeweils die Durchsetzung komplexer Maßnahmen, die Engagement vor Ort erfordern (siehe unten). Eine störungsfreie und für die Kraniche effektive Rast ist nur in Kooperation mit anderen Interessengruppen zu sichern. Daher muss das Gespräche mit den Partnern in der Landwirtschaft, Jagd und Fischerei sowie im Tourismus geführt werden mit dem Ziel, jeweils vernünftige Kompromisse zu finden.
Erforderliche Maßnahmen zum Schutz der Kranichrastplätze
Schutzstatus für die Schlafstellen aller traditionellen Rast- und Überwinterungsplätze
geschützte Ruhezonen in deren Umgebung, um ein Zwischenlanden zu ermöglichen
Absicherung der Kranichrast durch verantwortliche Personen und lokale Arbeitsgruppen
Schaffung neuer Feuchtgebiete durch Wiedervernässung, um die rastenden Kraniche auf mehr Schlafstellen zu verteilen
Vorbeuge von Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen durch das Liegenlassen von Stoppelfeldern und durch gezielte "Ablenkfütterungen"
simultane Erfassung und Auswertung der Kranichzahlen an der Rastplätzen zur langfristigen Bewertung von Rast, zug und Populationsentwicklung.
Die Arbeitsgemeinschaft Kranichschutz Deutschland
Die Arbeit der Betreuer von Sammel- und Rastplätzen ist seit über zwei Jahrzehnten durch Kompentenz und eine große Kontinuität gekennzeichnet. Die Zusammenführung der ost- und westdeutschen Arbeitsgruppen nach der Wiedervereinigung unter dem gemeinsamen Dach von NABU und WWF Deutschland mit Unterstützung der Lufthansa AG hat sich bewährt. Die zumeist ostdeutschen Mitarbeiter sind trotz der großen gesellschaftlichen Veränderungen und oft auch persönlichen Neuoriertierungen nach 1990 beeinander geblieben. Alljährlich findet ein Erfahrungsaustausch auf einer Arbeitstagung statt. Im zurückliegenden Jahrzehnt wurden in allen Bundesländern mit Kranichvorkommen die Aktivitäten gebündelt und in Landesarbeitsgruppen zusammengeführt, deren Koordinatoren dem erweiterten Vorstand der AG Kranichschutz Deutschland angehören. Gegenwärtig werden sämtliche 42 Sammel- und Rastplätze beobachtet und bearbeitet.
Dem Kranichschutz sind neue Aufgaben zugewachsen durch mehr Öffentlichkeitsarbeit und gezielte Besucherbetreuung, durch veränderte Schutzstrategien unter oft neuen Besitzverhältnissen, durch eine weitergehende Zusammenarbeit mit Behörden, Eigentümern und Interessenverbänden sowie durch die Erfassung einer wachsenden Anzahl beringter und besenderter Vögel. Auch wenn der Kranichschutz und die Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft auf allen Ebenen ganz überwiegend ehrenamtlich geleistet wird, ist die Arbeit vor Ort in den zurückliegenden Jahren deutlich intensiver geworden.